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Orientierungshilfe Portfoliobildung usw

Verfasst: 12. Apr 2018, 13:37
von bruchstab
Hi zusammen,

inzwischen gibt es ein paar Threads mit Kritikwünschen und gutem Feedback. Will gleich nochmal in diese Kerbe schlagen und
um Rat bitten.

Also ich bin 36 Jahre alt, (digitale) Kunst habe ich ca. ab 2012 begonnen - mit gesundheitlichen Zwangspausen - über die CGMA
Kurse und Scott Robertson hab ich mir Perspektive/Fundamentals angelernt und jetzt muss ich Bilanz ziehen. Zeichnen, malen
oder Sketch Up beherrsch ich halbwegs.

Habe hier mal mein "Portfolio" hochgeladen und bitte um Tipps und eine Einschätzung:
https://bruchstab.deviantart.com/galler ... ath=scraps

Wollte immer Concept Artist für Independent Games (Nicht Indie Games) werden und trainiere in diese Richtung. Am liebsten
wäre mir ein düsteres Spiel a la Deadspace oder Bloodborne, zumindest vom Stil her, Tripple A Firmen sind natürlich Fernland.

Nur weiss ich nicht ob ich inzwischen sowieso zu alt bin oder ich an meine künstlerischen Grenzen gestossen bin. Wenn ich die gegenwärtigen
Concepts auf Artstation bewundere wird mir die Kluft immer bewusster (Ja, sind zum Teil Illustrationen und im Produktionsalltag siehts anders
aus).

Meine Stärke ist im skizzenhaften Malen/Zeichnen. Bin nicht der nächste Algenpfleger mit ultrarealistischer Ausarbeitung und Details. Aber es
müsste doch eine Nische für mich geben, hoffentlich...

Könnt ihr euch meinen Kram bitte anschauen, Tipps geben - sei es technischer/gestalterischer Natur oder gar für einen alternativen Weg in der Gestaltung. Zeit zum umlernen,ergänzen hätt ich, denn vor Jahren hab ich so ziemlich alles für die Kunst "geopfert", Freunde, Beziehung usw.
Gibt also keine Kinderlein die versorgt werden müssten, was es gewiss leichter macht.

Wo könnt ich den überhaupt Jobs finden?! Die Jobbörsen auf Deviantart und Konsorten sind inzwischen mit 10 Dollar Kommisionen überhäuft, Artstation bringt hingegen fast nur Tripple A Jobs aufs Tablet.

Also gebt mir bitte mal euer Feredback. Vielen Dank.

Re: Orientierungshilfe Portfoliobildung usw

Verfasst: 12. Apr 2018, 22:02
von aeyol
Was sind für dich "Independent Games", wenn nicht Indie Games?
Und warum Concept Art für digitale Spiele? (und nicht Buchillustration oder Film oder Trading Card Games) Was erwartest und erhoffst du dir von diesem Beruf?

Die Computerspielebranche ist ein hartes Pflaster. Gerade in Deutschland sind in den vergangenen Jahren diverse kleine bis mittelgroße Firmen pleite gegangen. Das ist kein "sicherer" Job - wenn man überhaupt eine Festanstellung bekommt (und will). In den Großstädten, in denen meist Spieleschmieden angesiedelt sind, gibt es "gute Grafiker wie Sand am Meer". Und für gewöhnlich ist der Job auch schlechter bezahlt, als wenn du z.B. in einer Werbeagentur arbeiten würdest. Und trotzdem ist die Konkurrenz groß.

Aber es gibt immer jemanden, der besser ist und/oder mehr Erfahrung hat. Wenn man selbst nicht durch überragende zeichnerische Leistung überzeugen kann, kann man vielleicht durch Kreativität und gute Ideen überzeugen. Nur muss man die auch vermitteln und darstellen können. Und vielleicht braucht man auch ein bisschen Glück.

Die Bilder in deinem Portfolio (eigentlich sind es ja die "Scraps") würden mich jetzt noch nicht überzeugen. Es sind eben Studien, die noch nicht zeigen, wie gut du Anatomie beherrschst, ob du Geduld aufbringen kannst, eine Idee grafisch zuende zu bringen... oder eine Serie von z.B. Charakteren in einem Stil zu zeichnen, der auch als Vorlage für 3d Modelle dienen kann. In Komposition und Präsentation ist Luft nach oben.
Basieren deine "Fighter" Studien auf komplett eigenen Ideen, oder hattest du Vorlagen?

Du machst teils massiv gebrauch von Filtereffekten, mit denen du deine Figuren komplett überlagerst. Solche Effekte mögen manchmal hilfreich sein, um Oberflächen Textur zu geben und ein gewisses Feeling zu unterstützen. Aber so wie hier lassen sie die Figuren eher flach wirken und scheinen fehlende Details zu verbergen - man sieht deutlich, dass da Filter im Spiel sind.

Welche inhaltlichen Themen reizen dich denn besonders? Landschaft? Charaktere? Technik? Etwas ganz anderes? Es kann sinnvoll sein, da einen Schwerpunkt zu setzen und sich erstmal auf eins davon zu konzentrieren. Guck zum Beispiel mal hier: https://andreasrocha.deviantart.com/ - der zeichnet so gut wie ausschließlich Environments.


Um nochmal auf das Thema "Indie Games" zurückzukommen: Solange du noch kein professionelles Niveau erreicht hast, kann es nicht schaden, sich mal an einem Indie Game Projekt zu beteiligen. Da kannst du Erfahrungen sammeln, was für Grafiken von einem Concept Artist (oder 2d Grafiker allgemein - die fabrizieren nämlich zumindest in kleineren Firmen nicht ausschließlich Concept Art) benötigt werden.
Klar, je nachdem wie der grafische Stil eines Spiels aussieht, werden vielleicht auch mal skizzenhafte Loadingscreens benötigt. Aber es kann eben auch mal sein, dass du detaillierte Itemgrafiken zeichnen müsstest. Oder Charakter- oder Auto-Konzepte, die einem 3d Grafiker als erkennbare Vorlage dienen. Es kann nicht schaden, wenn du auch mal nach Aufgabenstellungen anderer arbeitest und diese zu erfüllen versuchst. Erfahrung kannst du auch mit z.B. Buchillustrationen sammeln - da gibt es immer wieder mal angehende Autoren, die ihre Bücher als ebook selbst veröffentlichen und die gern durch individuelle Illustrationen aufwerten würden. Also - wenn du dir das finanziell leisten kannst.

Viele Grafiker arbeiten als Freelancer selbständig und nur projektweise bei Spielen mit - und solche Jobs bekommt man nicht selten durch Empfehlungen.

Re: Orientierungshilfe Portfoliobildung usw

Verfasst: 12. Apr 2018, 22:50
von bruchstab
Indie Games hab ich tatsächlich von Independent Games abgegrenzt. Ersteres versteh ich als kleine Hobbyprojekte - meist ohne Bezahlung ohne Studio - während Independent durchaus mittelgroße Unternehmen sein können. Selbst bei Variante Eins ist der Konkurrenzkampf heftig.

Ich fasse jetzt mal deine Kritik zusammen:

-zu zusammengewürfelt
- zu wenig ausgearbeitet
- zu wenig Konsistenz
- kein Schwerpunkt

Environments haben mich immer am stärksten gereizt, gleichzeitig habe ich halt alles ein bisschen beherrschen wollen.
Stilistisch peil ich ich jetzt den Andreas Rocha an, gefällt mir wahnsinnig gut dieses Portfolio.

Also ich habe mal an einem Hobbyprojekt in der Indieszene mitgewirktTitel ist nie erschienen und das Projekt hat
sich verlaufen. Gut, ob so ein Game veröffentlicht wird ist aus meiner Sichtweise gerade Nebensache, aber dieses
kostenlose arbeiten widerstrebt mir, zumal es ein Titel sein müsste der auch passt.

Buchillus würd ich gerne machen und schaue mich bei den üblichen Verdächtigen gerne um (Deviantart etc...)


Also Danke für die ausführliche Antwort! Bin dann mal up and away.

Cheers

Re: Orientierungshilfe Portfoliobildung usw

Verfasst: 12. Apr 2018, 23:12
von aeyol
Ah, okay. Aber aus so kleinen Indie Spieleschmieden sind schon sehr erfolgreiche Spiele hervorgegangen - siehe Garry's Mod, Terraria oder Minecraft. ;) Aber klar, das sind Einzelfälle, die aus einem Meer aus deeeutlich weniger erfolgreichen oder komplett gescheiterten Spielen hervorragen.

Ich will nur sagen, auch im Indie Games Bereich kann man mal Glück haben bei einer guten Idee. Vielleicht auch mal bei Kickstarter Projekten - da kann zumindest mal ein Auftrag für ein paar Assets rausspringen, die dann auch wieder fürs eigene Portfolio taugen. Klar, da sollte man sich dann aber auch solche Titel raussuchen, die "passen".

Ich meinte übrigens nicht unbedingt, dass du dich stilistisch an Rocha orientieren solltest - natürlich kann man sich da immer inspirieren lassen, aber nur nachzumachen was andere machen, ist es ja auch nicht. Aber qualitativ ist das sicher eine gute Orientierung. Dachte mir, das geht auch in die Richtung, die dich interessiert.
Lustigerweise bin ich in seinem Portfolio grad über ein Bild gestoßen, das mich an deine Cathulu-Illustration erinnert: https://andreasrocha.deviantart.com/art ... -209968961 :D er hat da mit interessanter Beleuchtung gearbeitet, und du kannst sehen, wie die Tentakel sich (durchscheinend und reflektierend) im Licht verhalten.
Also bezüglich Beleuchtung und Komposition kann man von dem sicher was lernen, wenn man nachvollzieht, was er da gemacht hat.

Zu dem Projekt, bei dem du mitgearbeitet hast: Ja, das kann passieren, insbesondere bei solchen Indie-Projekten. Dennoch lernt man ja dabei und hat ja noch die Arbeit, die man dafür produziert hat - genau. Aber wenn du Glück hast, findest du halt ein Projekt, an dem du ein wenig mitarbeiten kannst in der Zeit, die du "sowieso" für Übungen und Studien genutzt hättest.

Natürlich muss man da auch vorsichtig sein, dass man sich nicht ausnutzen lässt und seine Zeit nicht vergeudet.

Eine andere Option wäre, dass du dir selbst ein Projekt "ausdenkst" - also denk dir einen fiktiven Spieltitel, überlege dir was für ein Spiel das ist, wen man da spielt, wem man begegnet... entwerfe Konzepte dafür, als "personal project" - da gehört Weltenbau und Storytelling dazu, Dinge die man gebrauchen kann - auch wenn das ein oder andere in einer Spielefirma von einem Gamedesigner zumindest in der Theorie vorgekaut würde. Wenn du Bilder zu diesem einen Projekt zeichnest, könnte es dir auch leichter fallen, inhaltlich etwas weiter zu entwickeln und gegen den "zusammengewürfelten" Effekt gegenzusteuern.