MASSEN ESSEN

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hjalmar
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MASSEN ESSEN

Beitrag von hjalmar » 9. Jul 2010, 16:34

So, wie im Riveved-Thread angekündigt hier meine Semesterarbeit aus dem letzten Semester.
Ich hatte eh die Absicht die Arbeiten nach der Prüfung zu posten, die Prüfung war gestern und es gab ne glatte 1.0 :)
Dass sich zeigleich jetzt hier dieser neue Raum geöffnet hat ist natürlich absolut genial!

Zur Arbeit:
An unserer FH gibt es jedes Sommersemster im Bereich Illu ein Semesterthema. Das gleiche Thema haben auch andere Unis, die Illustraion anbieten, weltweit z.B. Jerusalem und Soul(Korea). Diese Arbeiten werden soweit ich weiß auch in einem gemeinsamen Katalog veröffentlicht, bzw. gedruckt. Also ich glaube nicht, dass er vermarktet wird.

Ich habe am Kurs von Henriette Sauvant, einer Dozentin, die auch an der HAW schon unterrichtet hat teilgenommen. Der Umgang mit dem Thema war ziemlich frei und jeder konnte sich ein Teilgebiet aussuchen das ihn interessiert. Ich habe mich dann für eine kritische Auseinandersetzung mit der Lebensmittelindustrie entschieden. Nach einiger auseinandersetzung mit dem Thema hat sich herausgestellt, dass mich vor allem die Punkte MASSEN und ENTFREMDUNG daran interessiern. Man hätte ja auch in richtung vermarktung gehen können, wie z.B. der Kunde durch Verpackungen und Werbung beeinflusst wird.
Mein Ziel war es, das Thema durch atmosphärische Bilder und Stimmung zu illustrieren. Bilder, die die Realität zeigen, aber trotzdem die Entfremdung spüren lassen. Dazu dann ein paar erklärende Fakten, die den Bezug zur Realität verstärken, aber nicht zu sehr die Moralkeule schwingen lassen.

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"Im südspanischen Küstengebiet, welches im Volksmund „Costa del Plastico“ genannt wird,
werden auf 350 km² jährlich drei Millionen Tonnen Plantagenobst und - gemüse angebaut.
Deswegen kann man auch im Winter in Mitteleuropa Erdbeeren essen."
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"Der Transport von Nahrung ist günstiger als die Lagerung und Verarbeitung
vor Ort. Zum Beispiel werden Kartoffen aus Nordeuropa nur zum Waschen in
den Süden gefahren und anschließend wieder zurück."
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"In den USA gibt es Farmen, die so groß sind, dass man mit dem Fahrrad sechs Stunden lang hindurchfahren
muss, um alle Kühe hinter sich zu lassen – dabei wird ein Drittel der globalen
Getreideernte an Tiere verfüttert, während eine Millarde Menschen auf der Welt hungern."
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"In Südamerika wird der Regenwald gerodet, um den Anbau von Soja zu
ermöglichen. Das Soja ist nicht für den Menschen bestimmt, sondern dient
in Europa als Tierfutter."
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"In Österreich wird jeden Tag frisches Brot verbrannt. Die Menge ist so groß,
dass man davon eine Stadt mit 250.000 Einwohnern ernähren könnte."
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"Es gibt Orte in den Weltmeeren, die aufgrund von massiver Überfischung den Zustand
von vor 5 Millionen Jahren erreicht haben."
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Ich bin natürlich für Kritik, OP's usw offen! Allerdings kann ich gleich anmerken, dass ich davon frühestens in 1-2 Jahren was umsetzten werde, wenn mich der Drang danach pakt :)
Für mich ist das jetzt nach der Prüfung logischweise ein abgeschlossenes Projekt, auch wenn ich jetzt nicht mit allen Bilder zufrieden bin. Natürlich gibt es Bilder die stärker sind als andere. Aber ich bin gespannt wie ihr das seht...

EDIT: ich habe die Texte nochmal unter die Bilder geschrieben, da man sie doch recht schlecht lesen kann aufgrund der 800px beschränkung.
Zuletzt geändert von hjalmar am 12. Jul 2010, 21:30, insgesamt 7-mal geändert.

Chinasky
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Beitrag von Chinasky » 9. Jul 2010, 18:40

Ich hab mir jetzt ja vorgenommen, öfter mal substantiell zu kritisieren, statt nur technisch.
Und da hab ich jetzt gleich mit Deinem Thread eine gute Möglichkeit, denn die erste Frage, die sich mir stellt: Warum mußte das gemalt werden? Für die Message, die Du transportieren willst, drängt sich doch die Verwendung von Fotos geradezu auf! Es werden doch in jedem Bild per Text Behauptungen aufgestellt - und die sollten dann belegt, die Inhalte dokumentiert werden. Dazu taugen Foto und Film, nicht so sehr gemalte Bilder, die doch recht nah an einen Realismus heranreichen, bei dem man annimmt, daß Du Fotoreferenzen verwendet hattest.

Wie kontraproduktiv die Verwendung von Malerei hier ist, wird in meinen Augen beim obersten Bild am deutlichsten: Man weiß nicht, ob das, was da gemalt ist, die Wirklichkeit abbildet (also Küken, die von Fließbändern runterfallen wie Schrauben oder Plastikteile). Man denkt es sich, aber man weiß es nicht. Ein Foto würde es zeigen - und damit belegen. So kann man sich als Betrachter immer noch beruhigen, daß es sich um eine "künstlerische Überspitzung" handele. Und da wir hier keine Lebewesen zu sehen bekommen, sondern nur gemalte Figuren, kommt sogar noch ein sicherlich kaum gewollter Witzigkeits-Faktor mit hinein: kleine gelbe Vögel, die durch die Gegend gekullert werden, sind in Cartoons nämlich lustig, in der traurigen Realität dagegen mitleiderregend.

Anderes Beispiel die Autobahn: Die wird ja richtig schön dadurch, daß Du sie gemalt hast! Das ist eine Ästhetisierung dessen, was doch eigentlich kritisiert werden soll.

Die Schlüsselworte in Deiner Erläuterung sind Entfremdung, Realismus und Moralkeule. Du willst Entfremdung zeigen - indem Du sie uns näher bringst? So eine malerische Illustration, die auf schöne Bildkompositionen setzt, macht das Dargestellte heimliger! Man guckt sich diesen Stau auf der Autobahn gern an! Man ergötzt sich an der raffinierten Darstellung der reflektierenden Gewächshäuser. Hier triumphiert also Deine malerische Technik - über den Inhalt!
Denn Realismus - also die Fakten, so, wie sie sind - läßt sich durch Fotografie viel besser, überzeugender vermitteln. Gegen "echte" Küken, die da zerzaust und verängstigt auf dem Fließband hocken, kann kein noch so farblich-grafisch raffiniert ausgeklügeltes Gemälde mithalten.
Ebenso wird die Entfremdung auf einem Autobahnbild nicht erfahrbar, sondern der anonyme Verkehr wird uns auf eine quasi-nostaligsche Weise näher gebracht. Der tägliche Verstopfungskollaps auf unseren Autobahnen - er wird mit so einem (super gemalten!) Bild schöngefärbt.

Und was die Moralkeule angeht - hättest Du sie doch mehr geschwungen! Warum wolltest Du sie nicht schwingen? Hast Du keine klare Meinung zum Thema? Ist diese Massenproduktion nicht abzulehnen?
Falls es da auch "die andere Seite" gibt - sie kommt ja in Deiner Arbeit nicht vor. Wenn Du ein "zwar-aber" thematisieren wolltest, dann ist das "aber" rausgefallen.
Warum also nicht den Mut zum Schwingen der Moralkeule?

Dennoch: Gratulation zu der 1! Technisch-gestalterisch auf jeden Fall gerechtfertigt.
Es genügt nicht, keine Meinung zu haben. Man muß auch unfähig sein, sie auszudrücken.

Noren
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Beitrag von Noren » 9. Jul 2010, 19:18

Glueckwunsch zur 1!

Ich tu mal so, als waere das hier das pupsnormale 2d-Forum: :wink:

Die Kueken haetten vielleicht noch suesser, noch realer sein koennen im Kontrast zum Umfeld. Mehr Kindchenschema, das Beschuetzerinstinkte weckt.
Vielleicht war Deine Absicht ja, sie schon zu verfremden, ihnen gerade das obige zu nehmen und sie als Ware zu zeigen, wie ja auch Dein "mission-statement" vermuten laesst. Das ist Dir dann auch gelungen und waere als Foto so nicht moeglich gewesen. Aber durch diese Entfremdung gegenueber dem Leser reduzierst Du natuerlich auch die Wirkung.



Ich faend's uebrigens gut, wenn man bei solchen Bildern - gerade mit Text - irgendwo ein Knoepfli haette, mit dem man am besten die ganze Seite, gerne aber auch einzelne Bilder in groesserer Aufloesung anschauen kann. An dem Button wuerde man dann auch sehen, ob eine hoeher aufgeloeste Variante vorliegt. Hier z.B. leidet die Praesentation unter der 800er Breitebeschraenkung.

rockforce
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Beitrag von rockforce » 9. Jul 2010, 19:34

@Chinasky: Aber ich schätze wenn es eine Arbeit für die Uni ist, müssen das eigene Fotos sein.
Es wird bestimmt niemand, der mit Geflügel sein Geld verdient, an einem Foto interessiert sein, dass von der Situation her dem ersten Bild entspricht.
Da müsste man ja eher ein Reporter a la Wallraff sein, der wirklich in den Betrieb geht und Missstände aufdeckt.
Die Moralkeule muss man genau dann mit Vorsicht schwingen, wenn sie einem auch selbst treffen könnte.
Wir leben von dieser Massenproduktion. Du ganz sicher auch. Jetzt könntest du als Einwand sagen: Ja, ich würde mich mit weniger Angebot und höheren Kosten zufrieden geben. Dann bist du wirklich einer von wenigen in Deutschland.
Wadurch ist Kentucky Fried Chicken erfolgreich? Bestimmt nicht durch Qualitätsprodukte, deren Preis die Kunden beim Kauf deutlich auf der Rechnung sehen. Die kriegen ihre halben und ganzen Hühnchen oder Chicken Wings garantiert aus einer Fabrik, die dem ersten Bild entspricht. Aber daran denkt Mensch kein Mensch, weil es billig ist. "Geiz ist Geil" ist der Slogan, mir der die Agentur Jung von Matt das Denken der meisten Deutschen 1 zu 1 wiedergibt. Die Industrie richtet sich darauf ein. Wenn wir als Konsumenten einheitlich Qualitätswahre zu entsprechendem Preis fordern würden, gäbe es diesen Slogan nicht. Wir wollen alles und zwar billig!
H&M ist doch der selbe Unsinn. Kinderarbeit für Konsumenten, die den vollen Wohlstand einer Industrienation auskosten können. Das Argument dass sich nicht jeder eine Hose von Armani made in Italy leisten kann, mag für manche zutreffen. Aber warum laufen sie dann mit vollen Tüten durch die Einkaufszentren? Ja, wenn die Hose nur 20 Euro kostet, kann man ja gleich 5 nehmen. Ist doch klar...! Und der Kleiderschrank MUSS voll sein. Und das interessiert niemanden woher der Kram kommt, den man so billig kauft. Das die meisten Kinder in Indien Arbeiten und als Sklaven gehalten werden, liegt nicht daran, dass die Inder so gerne billig einkaufen. Das hat schon was mit uns zu tun.
Und wenn du jetzt einer Nation, bei der Shopping durchaus als Hobby durchgeht, mit Preiserhöhung kommst, weil du die Massenproduktion abschaffen willst und Tiere gerne artgerecht halten möchtest und wahrscheinlich auf so Dinge mit Menschenrechte bestehst, dann könnte der Widerstand nicht unerheblich sein.
Man kann zwar gegen diesen Konsumwahn die Moralkeule schwingen, aber die breite Masse wird dabei bleiben und diese repräsentiert die Nachfrage und fordert somit das Angebot.
Und jeder steck da ein bisschen mit drin und genießt Vorteile, die man dir mitsamt deiner Moralkeule ganz sicher um die Ohren schlagen wird, wenn du zu sehr kritisierst. Deswegen ist die volle Breitseite an Kritik mit Vorsicht zu genießen, wenn man nicht ein kompletter Aussteiger ist.


@hjalmar: Technisch ist das echt beeindruckend und der Inhalt prangert schon einige Missstände an. Aber die Schrift ist etwas klein.
Glückwunsch zu der 1! :)

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hjalmar
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Beitrag von hjalmar » 9. Jul 2010, 20:21

Lieber Chinasky,

du sprichst zwei essentielle Punkte an! Der erste, Photo vs. Malerei wurde auch schon von der Dozentin angesprochen. Und das ist ganz grundsätzlich ein Thema was bei Illustrationsprojekten oft angesprochen wird, nicht nur bei meinem. Ich bin selbst auch der meinung, dass ein künstlerischer Photograph die Message auch rüberbringen könnte. Dass die Bilder hier im Forum jetzt so klein sind, nimmt mir leider einen Effekt schon weg, den die Bilder haben:
Die Bilder sind für A3 angelegt, also z.B. Doppelseite im Magazin. Man würde die Bilder also 4x so groß sehen wie hier, was die Bilder schon wesentlich abstrakter macht. Von weiter weg, oder wie hier, verkleinert wirken sie realistischer. Außer bei den Autos, da ist mir das nicht gelungen ;), die wirken auch von nah sehr real.
Die Bilder sollen also eher eine impressionistische Wirkung haben, als eine dokumentarische. Ich muss zugeben, dass ich das nicht bei allen Motiven geschafft habe. Je komplexer das Motiv, desto weniger konnte ich loslassen, was bei den LKWs dazu geführt hat, das die eher photographisch wirken. Bei den Kühen habe ich mein Ziel erreicht, das Bild verkörpert meine Ziele am besten. Stimmung, Abstraktion, Kontrast zwischen dem einzelnen Objekt und der Masse.
Mein Ziel war es vor allem diese Atmosphäre zu zeigen, die an Orten wie diesen entsteht. Und ich denke mir ist dies auch gelungen aufgrund des Feedbacks aus der FH. Viele beschrieben die Bilder mit Begriffen wie "Endzeitstimmung" oder "apokalyptisch". Außer vielleicht die Autobahn, aber das kann auch daran liegen, dass für uns dieses Bild abslout normal ist, leider. Dokumentarische Photos dagegen wären für meine Aussage schon zu konkret, zu nah drann, man würde sich zu schnell an Einzelheiten aufhalten, an den harten Fakten die diese Bilder liefern. An groben Pinselstrichen bleibt keiner hängen. Dazu kommt natürlich auch, das diese malerische Darstellung eine neue Perspektive liefert. Und die Dinge mal anders zu betrachten ist eigentlich immer recht fruchtbar. Ungefair so war auch meine Argumention gegenüber der Dozentin.

Der zweite Punkt, dass die Bilder das Thema "schönmalen" ist mir bis jetzt nicht begegnet. Wie gesagt, das Feedback ging eigentlich eher in Richung apokalyptisch. Aber du hast schon recht, ich hatte die Motive auch extra bedrohlich darstellen können. Das wollte ich aber bewusst nicht tun. Ich war mir am Anfang des Projektes einig mit der Dozentin, dass meine Bilder Fragen aufwerfen sollen, anstatt Aussagen zu diktieren. Daher ist der Umgang mit dem Thema relativ neutral. Der Betrachter wir heutzutage ja dauerhaft bombadiert und meinungen werden eher aufgedrückt als das man dem betrachter den freiraum gibt selbst ein urteil zu fällen. Ich denke das beantwortet auch die Frage nach der Moralkeule, natürlich habe ich eine Meinung, aber ich möchte dem Betrachter die Möglichkeit geben sich seine eigene Meinung zu bilden.

vielen Dank aber für deine Kritik und dein Lob!

Noren und rockforce,

den text habe ich nochmal runtergesetzt, und ich werde auch noch größere versionen verlinken!

Chinasky
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Beitrag von Chinasky » 9. Jul 2010, 21:52

@rockforce: Ich glaube, ich habe meinen Punkt bezgl. der Moralkeule nicht deutlich gemacht.
Hier geht es ja nicht darum, daß Hjalmar da in einer Podiumsdiskussion sitzt, wo man ihm mit Gegenargumenten kommen könnte.
Dass das Leben und die Welt kompliziert seien und man überall Kompromisse eingehen muß - geschenkt! Und dass keiner von uns ohne Umweltsünden durchkommt - auch geschenkt!

Aber hier geht es ja nicht darum, daß eine Position verteidigt werden soll. Sie soll erstmal klar gemacht werden! Und wenn alle von uns faule Kompromisse eingehen - so ist das Eingehen von faulen Kompromissen immer noch abzulehnen, oder? Diese Beispiele, die Du da anführst, die nennt man diskurstechnisch "tu-quoque-Argument". Und tu-quoque-Argumente sind immer irreführend und daher falsch. Plattes Beispiel: Herr Müller sagt: "Kinder sollten nicht geschlagen werden, denn das ist Machtmißbrauch!" Frau Schmidt darauf: "Aber ich habe doch gesehen, wie Sie selbst ihre Tochter geschlagen haben!" (tu-quoque= du doch auch!)

Wird die Aussage von Herrn Müller dadurch falsch, daß er sich anders verhält, als er es als Regel einfordert? Natürlich nicht. Sonst wäre die Aussage, man solle Kinder nicht verprügeln sofort falsch, wenn ein Kinderschläger sie tätigt.

Gleiches gilt für unser Thema hier: Entweder, man will warnend den Zeigefinger heben: Schaut, was wir unserer Umwelt, insbesondere anderen Lebewesen Grausames antun! Oder man will gar nicht warnen, sondern eher das moralische Dilemma als solches thematisieren. Das sind aber zwei unterschiedliche Themen. Ich plädiere dafür, sich für ein Thema zu entscheiden, für eine Aussage - und die dann aber auch kompromißlos und in vollem Umfang zu bringen, ohne Zögerlichkeit, ohne zwar-aber. Jedenfalls bei so einer Plakat-Aktion.
Hjalmar schreibt ja, daß die Bilder auch das Gefühl ansprechen sollen.
Seien wir doch mal ehrlich: Hier soll uns ein schlechtes Gewissen gemacht werden. Wir sollen mittels der Bilder mit den Auswirkungen unseres Tuns konfrontiert werden - und, so wäre es ja wohl wünschenswert, dann unser Verhalten ändern. Wenn wir unser Verhalten nicht ändern sollen - dann braucht es diese ganze Plakataktion nicht.
Werden wir mit Informationen konfrontiert? Naja. Eher spärlich. Die Wirkung soll von den Bildern ausgehen - und also emotionaler Natur sein. Gefühle sollen in uns geweckt werden. Und warum dann nicht gleich richtig viel Gefühle? Warum da Zurückhaltung? Ist es in Ordnung, so mit kleinen Küken umzugehen, oder nicht? Falls nicht - was gibt es da dann für einen Sinn, Zurückhaltung zu üben?
Man muß sich schon klar sein, daß es eh nur zwei alternative Reaktionen auf so ein Plakat gibt: Entweder, jemand wird tatsächlich zu Gewissensbissen animiert. Oder aber die Aussage interessiert den Betrachter nicht, bzw. weckt sogar Abwehrreaktionen nach dem Motto: Die wollen mich manipulieren!

Jemand, der sich manipuliert fühlt, der wird dann nicht großartig differenzieren, wie groß die Moralkeule ist, die ihm um die Ohren gehauen wird. Jemand, der sich durch die Bilder erschüttern läßt, den kann man dann auch gleich richtig erschüttern. ;)

@Hjalmar: Ja, klar, apokalyptisch und so. Aber eben pittoresk apokalyptisch. Verstehst Du? Es gibt ja eine ganze Tradition des Topos "Endzeit". Endzeit, Apokalypse - das ist, visuell aufregend gestaltet, in unserer Kultur längst Teil der Unterhaltungsindustrie. Ich sach nur: Mad Max!
Mir geht es darum, wie weit man manche Themen noch ästhetisch verpacken kann, ohne sie dadurch zu verniedlichen. Seit der deutschen Romantik, naja, eigentlich schon seit Goya, gibt es den ästhetischen Umgang mit der Zerstörung und dem Leid, indem man sie "erhaben" macht. Von William Turner gibt's ja jede Menge Katastrophen-Bilder, sei es von einer Lawine, die ein Haus zermalmt, sei es das brennende Parlament, sei es ein Vulkanausbruch... Der Schrecken wird ästhetisiert.

Und das hast Du hier eben auch gemacht: ein schön düsterer Komplementärkontrast: Düsterviolett vs. Gelb...
Naja, ich denke, genau hier lohnt es sich ja dann, weiter zu debattieren, inwieweit die mediale Umsetzung von Schlechtem nicht immer eine Verniedlichung desselben sei, oder inwieweit es Möglichkeiten gibt, diese Gefahr zu umgehen.

Ich halte die Möglichkeiten ehrlich gesagt für sehr, sehr beschränkt.
Es genügt nicht, keine Meinung zu haben. Man muß auch unfähig sein, sie auszudrücken.

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Beitrag von Neox » 9. Jul 2010, 22:33

Das letzte Bild finde ich inhaltlich ein wenig merkwürdig, was war denn vor 5 Millionen Jahren? Das große Seesterben? Der Rest kann ganz gut durch Allgemeinbildung verstanden werden den Inhalt des letzten Bildes finde ich aber etwas zu spezifisch um beim gemeinen Publikum eine Reaktion wie "ach herrje, das ist ja schrecklich!" zu verursachen.
bonus vir semper tiro

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Beitrag von rockforce » 10. Jul 2010, 00:10

@Chinasky: Meiner Meinung nach muss die Integrität stimmen. Wenn man eine solche Arbeit macht, dann muss natürlich damit rechnen darauf angesprochen zu werden. Sollte das nicht passieren, ist die Aktion in einem kleinen Rahmen gelaufen, war erfolglos. Sowas müsste groß und plakativ aufgehängt werden, damit wirklich jeder es sehen kann. Und dann muss man sich auch wahrscheinlich dafür rechtfertig oder Kritik ertragen.

Und wenn man so etwas plant, dann sollte man sagen: Ja, ich distanziere mich von all dem, was ich hier anprangere. Wenn das nicht der Fall ist, stecke ich für eine erfolgreiche Aktion gegen Beispielsweise "die Misshandlung von kleinen Kücken" jede menge Geld ein, lauf aber mit genau diesem Geld zu KFC und finanziere heute die Branche, gegen die ich gestern gewettert habe. Das geht nicht. Dann ist man einer ausgesprochener Scheinheilger.
Man kann nicht erst allen Leuten zurufen: "Hier, davon lebt ihr! Das ist nur wegen euch! Ändert euch!" und sich nicht ändern. Den Schritt, den man von anderen verlangt, muss man schon selbst vormachen.

Meine Beispiele waren nicht zur Rechtfertigung gedacht, sondern sollten den Missstand verdeutlichen. Es ist nunmal so, dass Leute gerne billig einkaufen und essen. Und es ist richtig, dass man so, nicht mit Kücken (mit Lebewesen generell) umgeht. Das sind aber zwei Fakten die beide richtig sind und die sich ziemlich beißen, weil billiges Essen nicht mit artgerechtem Umgang der Tier einher geht. (Ich persönlich habe überhaupt schon ein Problem damit Tiere als Essen zu bezeichnen.)
Ich wollte eigentlich nur verdeutlichen: Man sollte sich bevor man die Moralkeule auspackt überlegen, wo man selbst steht, wie tief man selbst in eine Sache verwickelt ist und ob man sich nicht selbst den Schädel einschlägt.

Aber du hast recht, wenn Moralkeule dann richtig oder garnicht.

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Beitrag von MartinH. » 10. Jul 2010, 02:24

@hjalmar: endlich hat mal jemand bilder geposted!!! allein dafür danke ich dir schon.
die ganzen textmassen hier werden mir zu viel und ich komm nicht mehr mit lesen nach. daher sag ich dazu mal nur (als gegenpol zu den ganzen romanen überall): mir gefallen die bilder im sinne von sie lösen als serie, und teils auch einzeln, ein surreal bedrohliches gefühl bei mir aus. ich finde das geht in die richtige richtung was "bilder oberhalb der belanglosigkeit" angeht. sehr schön, weiter so!

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